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KLASSIKER INSPEKTION MIT „LAPTOP UND LEDERHOS’N“

Erster „Südbayerischer Schraubertreff” in Niederneuching bei München war ein voller Erfolg

Das Clubleben der deutschen R/C107-Freunde müsste sich, wenn man es denn – von der Mitgliederverteilung und der Aktionshäufigkeit her betrachtet in Form einer neumodischen 3D-Grafik darstellen würde, ziemlich „birnenförmig” ausnehmen, wobei man sich die Birne auf den Kopf, pardon – auf den Stiel gestellt vorstellen sollte.

Will heißen: Es herrscht ein deutlich erkennbares Nord-Süd-Gefälle.

Vor kurzem schienen sich die „Kerne” des mittlerweile ja gut gereiften 107er Früchtchens vor allem um die Stadt Hilden herum zu gruppieren: Die „Großen Jungs” eines in der Szene nicht ganz unbekannten Autohauses mit „Star-Allüren” (im besten Sinne des Wortes) überprüften den Reifegrad etlicher Clubfahrzeuge wieder beim obligatorischen Frühjahrscheck und schon vorher sorgte ein gewisser Herr Bernd-Joachim für kurzfristigen „Kahl” -Schlag im Funkverkehr der sonst so kommunikationsfreudigen E-Mail-Liste des Clubs, denn er hatte zum Technik-Workshop gerufen und viele folgten dem Lockruf der Technik.

Nur zu verständlich, zumal dort u. a. ein „Pfeiffer” am Mengenteiler „aufspielte”, oder ein Herr Uwe ganz „unverfenglich”, aber nachdrücklich Schwachstellen unserer SL/C aufdeckte, ein passionierter „Eßer” ein gut gewürztes Sindelfinger Menü aus sechs appetitlich aneinandergereihten und gut gefüllten Töpfen darbot, und der „Engel Aloisius” als Schutzpatron der angerosteten, zweisitzigen Gepäcktransporter erzählte, wie man Autos kaputtmachen, aber auch viel schöner wieder zusammenbauen und konservieren kann.

So könnte ein uneingeweihter Betrachter nun glauben, dass vor allem südlich des Weißwurstäquators „Hoppen” und Malz verloren wäre, was technische Selbsthilfe-Initiativen im Zeichen des Sterns betrifft. Doch weit gefehlt:

Erstmals keimte nun auch im südbayerischen Raum ein Samenkorn, das beim Techniktransfer innerhalb der 107er-Szene im rauen Voralpenklima sozusagen vom „MB-Trac” gefallen war.

Eingepflanzt und aufgepäppelt von Clubfreund Alfons Steinbach im kerosingetränkten Boden des Münchner Flughafen Umlandes streckte es neugierig seine ersten Triebe aus der brachliegenden Ackerkrume von Hans Markus Wellers in Niederneuching, jener Stätte also, an der auch unser Techniklexikon mittlerweile dem pubertären Stadium entwachsen ist.

In diesem Frühbeet automobiler Leidenschaften sprießen sonst eher BMW Schößlinge der unscheinbaren, aber würzigen Art, gezüchtet vom Junior des Hauses und dessen Freunden.

Aufgrund der Pflanzaktien im Zeichen des Sterns wurde eigens ein „Gewächshaus” im Wellersschen Anwesen reserviert und im Zeichen des Sterns dekoriert. Damit das zarte Pflänzchen, welches fortan intern „südbayerischer Schraubertreff” genannt wurde, gleich richtig ans Tageslicht kommt, wurde flugs eine nigelnagelneue Hebebühne installiert, die ihr kollabiertes Vorgängermodell innerhalb eines einzigen Tages abzulösen hatte. So geschehen am Tage „X minus 1″!!!

Der Steinbachschen Werbung in der E.-Mail Liste waren 6 (in Worten: sechs ) aufrechte Binger der (nicht immer vollkommen) reinen 107er Lehre gefolgt, bereit, neben geeignetem Arbeitsgerät auch wachstumsfördernde Präparate für Leib und Seele beizusteuern, als da waren Weißwürste, die im Anblick der versammelten Klassiker (nicht nur der vierrädrigen) vor Neid bereits im Kessel platzten, samt zugehöriger Back- und Würzartikel (Brezen, Senf), mehr oder weniger fahrtüchtigkeitsfördernde Getränke (überwiegend im Sinne des bayerischen Reinheitsgebotes), selbsterzeugter Konditorware vom Feinsten und heißem braunen Dopingmittel, um die vom gleichfarbigen Zersetzungsprodukt in den Blechkomponenten unserer Autos überwältigten Teilnehmer im Bedarfsfall wieder aufrichten zu können (vorab: Der Autor dieser Zeilen konnte ihn brauchen, den Kaffee!).

So waren also am „Tage X” (man schrieb den 28. April im Jahre des Herrn 2001) mit Donnerhall fünf SL, der 107er Serie und als special guest ein Coupe der 123er Serie mit gestrippter Fahrertür (für Anschauungszwecke) im Hof der Methmühle zu Niederneuching eingetroffen, und hatten sich zu dem bereits dort vorhandenen Exemplar gesellt. Die Anreise der vier nicht ortsansässigen Mitwirkenden wurde überreichlich mit erquickendem Nass aus der Gießkanne von Sankt Peter garniert, so dass die geparkten Kostbarkeiten ein wenig an ein „Parc Ferme” des World Rallye Car Championats erinnerten.

Nun galt es, die Funktionstüchtigkeit der neu installierten Hebebühne zu erforschen, wozu man schmunzelnd beschloss, als erstes das Fahrzeug zu hieven, das seinen Endschalldämpfer bereits bei der Einfahrt in das Anwesen am vollsten genommen hatte, nämlich meines!

Nicht völlig ohne Unbehagen bemerkte ich bald, dass hier nicht nur mein Wagen hochgenommen werden sollte.

Dennoch gebührt mir hier die ungeteilte Dankbarkeit des Publikums, denn ein Fahrzeug, an dem nichts schadhaft oder pflegebedürftig ist, kann keine Erkenntnisse über Problemzonen vermitteln. Wo sonst hätten wir denn durch das Endoskop den Ausblick auf eine rotbraune Tropfsteinhöhle im Schwellerland genießen können oder die Materialbeschaffenheit eines betagten Rahmenträgers in dessen Innenraum analysieren können, wenn das Zeug nicht nach Entnahme der Gummistopfen aus meinem Auto auf den frischaufgebrachten Wellersschen Werkstatt-Estrich gerieselt wäre.

Neben einigen typischen rostgefährdeten Karosseriebereichen, konnte auch eine 107er-Schwachstelle, nämlich die Lagerung des Regulierungsgestänges beschrieben werden, deren Buchsen sich an meinem M117 während einer Passfahrt in ihre molekularen Bestandteile aufgelöst hatten. Ich konnte auch anschaulich demonstrieren, dass ein Mercedes R107 noch mit einem Stück Fensterleder und einigen Holzkeilen zu reparieren ist, denn mit diesen Ingredienzien fixierte ich die Gasmechanik noch bis vor wenigen Tagen absolut zuverlässig und showroom-tauglich.

Mein Wagen verließ die Hebebühne mit drastisch verändertem Leistungsgewicht, denn der Materialverlust durch Schaben und Kratzen wurde durch eine beträchtliche Dosis von hochkriechfähigem „VN -Wachs” und „Mike Sanders”-Fett klar überkompensiert.

Nichts ist langweiliger, als ein perfekt gepflegter 107er, wie zum Beispiel der 300 SL unseres Listmasters Wolfgang B(l)eifuß, dessen hochglänzender M103 ohne weitere Behandlung als keimfreies Notstromaggregat in einem Operationssaal dienen könnte. Null Unterhaltungswert!

Das heißt, doch: Alfons Steinbach strafte den Halter Lügen, als er entgegen dessen Beteuerungen einige Schrauben lokalisieren konnte, die nicht aus Edelstahl gedrechselt waren.

Dass man die „Birnen” (um wieder zum Obst zu kommen …) eines 107er Scheinwerfers nicht mal eben am Straßenrand wechseln kann, schon gar nicht, wenn die berühmtberüchtigte Scheinwerfer-Reinigungsanlage als Extra montiert ist, bekam Thomas Schiller an seinem 56.000 km jungen 280SL demonstriert, der aus dieser Übung mit neuen „Dochten” samt um 30% verstärkter Leuchtkraft als strahlender Sieger hervorging.

Gas(t)geber Hans Markus Wellers zeigte an seinem rückgerüsteten 280 SL (die Sportsitze und das Nardi-Lenkrad des Vorbesitzers waren gerade rausgeflogen) eine neue Dimension der Unterboden-Konservierung. Hier haben Umwelteinflüsse zumindest von der Straßenseite her kaum mehr eine Chance.

Hans Träg, der bei der Betreuung seines gepflegten Schützlings alles andere als träg erscheint, klagte über Probleme mit der Schubabschaltung. Der Störenfried, nämlich ein ausgeleierter Microschalter konnte rasch lokalisiert und mittels überarbeiteten Betätigungshebels wieder zur konstruktiven Mitarbeit überredet werden.

Aufgrund der kleinen Teilnehmerzahl konnten alle Fahrzeuge gründlich inspiziert und so manches Problem und dessen Lösungsmöglichkeiten ausführlich erörtert werden.

Dabei waren EPC (mittels Notebook) und DC Reparaturanleitung, installiert auf einem lokalen PC in der Werkstatt, eine gute Hilfe.

Um die Auswirkungen von mangelnder Konservierung, schludriger Reparaturmethoden, Rostfraß an Oberflächen und versteckten Stellen zu verdeutlichen, hatte Alfons Steinbach einige Bleche präpariert, geschweißt, lackiert und einige Zeit der Witterung ausgesetzt.

Die Exponate sprachen für sich! Auch die Wirkung von „Fertan” auf Oberflächenrost sorgte für ein Raunen unter den Betrachtern. Nicht zuletzt lagen ein aufgeschnittener und geschweißter Schweller, ein Katalysator, Lambda-Sonden, eine ausgebaute und geöffnete Motorantenne sowie ein Airbagsystem zu Studienzwecken bereit.

Alfons, der die Moderation des Tages übernahm und mit seiner praktischen Erfahrung nicht zuletzt als Sicherheitsexperte bei einem bayerischen Automobilhersteller (was wir großzügig übersehen haben) in unserer Runde überzeugend als angehender Technikreferent brillierte, demonstrierte schließlich noch, wie die Mechanik und die Substanz einer Autotür auch in hohem Alter noch in bestem Zustand erhalten werden kann.

Die Veranstaltung lebte aber auch von den zahlreichen Erfahrungen und Beiträgen aller Beteiligten, von denen jeder auf seine Weise zum harmonischen Gelingen beitragen konnte.

Trotz des anfänglich schlechten Wetters und manch nachdenklich gefalteter Stirnpartie, waren die Mundwinkel stets oben geblieben. Auch noch bei der gemütlichen Nachbereitung in Form eines Plauderstündchens im Wintergarten der Gastgeber, bei dem wiederum das leibliche Wohl nicht zu kurz kam. Dafür sorgte u. a. auch Frau Wellers, die freilich viel lieber mit uns über ihren parkartig angelegten Garten gefachsimpelt hätte, wenngleich ihr Herz dem SL Thema auch nicht gerade verschlossen ist.

Aus dieser Runde sind auch neue, interessante Beziehungen zwischen den Teilnehmern entstanden, die sich zum einen durch ein späteres und deutlich weniger arbeitsorientiertes Treffen (schmatz!) mit Lebenspartnern und zum andere durch spontane gegenseitige Hilfsaktionen (Danke, Alfons!) weiter vertieft haben.

So kann man wohl von einer überaus gelungenen Veranstaltung sprechen, die sicher eines nicht allzufernen Tages eine Wiederholung in ähnlicher Form erleben wird. In einigen wenigen südbayerischen Ohrenpaaren hat „Niederneuching” bereits einen ebenso melodiösen Klang, wie der Name „Hilden” in der Menge der Technikfreaks, die mit dem Worten „Loawedoag”, meschdog”, „Schmeibiggsl” und „Loatawagl” nicht allzuviel anzufangen wissen. Aber keine Sorge: Ein SL fährt auch ohne diese Gegenstände dorthin, wo Sie ihn hindirigieren. Notfalls sogar bis Niederneuching. 😉

Sigi Heiland

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